Pflanzen des Monats 2015

Texte: Beat Fischer, Fotos: Markus Bürki

 

 

Pflanze des Monats Mai: Gemeine Pimpernuss (Staphylea pinnata) im Alpinum Osteuropa und Balkan (11)

Zurück aus den Eiszeiten


Während der letzten Eiszeiten bedeckten massive Gletscher grosse Teile der Schweiz. Etliche Pflanzenarten starben aus oder wanderten in die eisfreien Gebiete südlich der Alpen. Dazu zählt auch die Gemeine Pimpernuss (Staphylea pinnata) aus der gleichnamigen Familie der Pimpernussgewächse (Staphyleaceae), die nach der letzten Eiszeit bei wärmeren Bedingungen zurück nach Norden wanderte. Heute erstreckt sich ihr Hauptverbreitungsgebiet von Südosteuropa bis nach Kleinasien. In der Schweiz ist das bis 5 m hohe Gehölz nur vereinzelt anzutreffen. Es besiedelt wärmeliebende Laubmischwälder und bevorzugt einen kalkhaltigen Boden. Die Gemeine Pimpernuss wächst als sommergrüner Strauch oder kleiner Baum. Die Blätter sind gefiedert und ähneln denen der Esche. Nach dem Blattaustrieb erscheinen im Mai zahlreiche gelblich-weisse Blüten, die in langen Rispen herabhängen. Die fünf Kelchblätter sind auf der Aussenseite leicht rötlich und die fünf Kronblätter neigen sich glockenförmig zusammen. Die zwittrigen Blüten bestäuben sich meist selber. Ergänzend kann dank dem Nektar eine Fremdbestäubung durch Schwebfliegen, Fliegen oder Bienen stattfinden. Im Herbst entwickeln sich aufgeblasene, gelbgrüne Kapselfrüchte, deren reife Samen sich bei Wind in der Frucht bewegen und klappern. Diesem Umstand verdankt die Pflanze auch ihren deutschen Namen. Die Bezeichnung Pimpernuss stammt aus dem mittelhochdeutschen «pimpern» und bedeutet klappern. Aus den erbsengrossen Samen, den «Pimpernüssen», lässt sich ein Likör herstellen oder sie können geröstet gegessen werden. Bereits die Kelten kannten den Baum und sollen die Pimpernuss auf ihren Grabstätten gepflanzt haben.

 

Verbreitungskarte Schweiz (Quelle: www.infoflora.ch)

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Pflanze des Monats April: Buschwindröschen (Anemone nemorosa) im Zaubernusswäldchen (25) und in weiteren Freilandbereichen

Versteckte Vorratskammer im Boden


Nach der Schneeschmelze verzaubern jedes Jahr farbige Blütenteppiche die Freilandanlagen des Botanischen Gartens: Weisse Schneeglöckchen, gelbe Winterlinge, purpurne Kos-Alpenveilchen, blauer Schneestolz folgen einander und werden ab Ende März durch das Busch-Windröschen (Anemone nemorosa) abgelöst. Als Frühjahrsblüher erscheinen sie alle vor dem Laubaustrieb der Laubbäume und profitieren von der verstärkten Lichteinstrahlung und Wärme direkt über dem Boden. Das schnelle Austreiben und Wachsen ist nur möglich, weil sie in unterirdischen Organen wie Zwiebeln, Knollen oder Rhizomen Nährstoffe aus dem Vorjahr gespeichert haben. Beim Busch-Windröschen werden die Reservestoffe wie Stärke und Mineralstoffe im Rhizom gelagert und dienen der Pflanze Vorratskammer. Dieser Erdspross liegt waagrecht im Boden, wird bis 30 cm lang und verzweigt sich stets. Aus ihm entspringen manchmal über 100 Blütentriebe und erklärt den oftmals dichten Bestand des Hahnenfussgewächses (Ranunculaceae). Die weissen Blüten des Busch-Windröschens sind nachts und bei kühler Witterung geschlossen, da die Aussenseite bei niedrigen Temperaturen schneller wächst als die Oberseite. An warmen Tagen wenden sie sich stets der Sonne zu und locken ihre Bestäuber an. Schwebfliegen, Bienen und Hummeln finden in den Blüten zwar keinen Nektar, aber reichlich Pollen. Die mit kurzen und borstigen Haaren besetzten Früchte haben ein fettreiches Anhängsel und werden durch Ameisen verbreitet. Das Busch-Windröschen gedeiht vor allem in Laub- und Mischwäldern der gemässigten Gebiete Eurasiens. Alle Pflanzenteile sind giftig, der Saft kann zu Hautverätzungen führen.

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Pflanze des Monats März: Augen-Stanhopee (Stanhopea oculata) im Orchideenhaus (31)

Das unwiederstehliche Parfum

 

In den tropischen Wäldern von Mittel- und Südamerika findet sich eine sehr grosse Pflanzenvielfalt. Die Konkurrenz um bestäubende Insekten ist daher enorm. Um überhaupt wahrgenommen zu werden, entwickelten einige Orchideenarten ganz besondere Methoden, dazu zählen auch die rund 55 Arten der Gattung Stanhopea. Sie wachsen meist als Epiphyten in den Baumkronen feuchter Wälder und besitzen lange, elliptische Blätter. Ihre attraktiven Blüten bestechen durch einen betörenden Duft. Die Augen-Stanhopee (Stanhopea oculata) im Orchideenhaus weist auf ihren cremefarbenen Blütenblättern dunkle «Augenmuster» auf, denen sie ihren Namen verdankt. Der Duft ihrer Blüten, die meist nur wenige Tage blühen, ist ausserordentlich stark und zieht in der Natur männliche Prachtbienen an, die für ihre metallisch schillernden Farben bekannt sind. Die Prachtbienen sind nun aber nicht auf der Suche nach Nahrung, sondern sie sammeln ein von der Pflanze produziertes Öl. Mit ihren Vorderbeinen streifen sie dieses Öl ab und verstauen es im Flug in speziellen Säcken an ihren Hinterbeinen, wo es mit anderen Duftstoffen zu einem Parfum vermischt wird, welches weibliche Prachtbienen unwiderstehlich finden. Je mehr Parfum eine männliche Prachtbiene verströmt, umso attraktiver erscheinen sie ihren weiblichen Artgenossen. Da die männlichen Prachtbienen bei ihrer Sammeltätigkeit oft wie betrunken torkeln, fällt ihnen nicht auf, dass sie dabei die Pollenpakete der Orchideen verbreiten. Bisher wurden sechs verschiedene Prachtbienen-Arten ausgemacht, welche die Augen-Stanhopee bestäuben. Nur sie können das Öl der Orchideen verwerten. Sie haben gewissermassen einen Exklusivvertrag und bieten den Pflanzen einen verlässlichen Transportservice für die wertvolle Pollenfracht.

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Pflanze des Monats Februar: Dermatobotrys saundersii im Sukkulentenhaus (34) im Farnhaus (33) und im Sommer auf der Terrasse beim Südafrikaviereck (21)

Die Zierde in den Baumkronen

 

In den steilen Wäldern an der Ostküste von Südafrika gedeiht ein ungewöhnlicher und seltener Strauch, der Baum-Reiter (Dermatobotrys saundersii). Er ist die einzige Art in seiner Gattung und gehört zur Familie der Braunwurzgewächse (Scrophulariaceae). Seine gegenständig angeordneten Blätter sind weich und gummiartig, mit gezähnten und rötlichen Adern. Beim Zerreiben der Blätter entfaltet sich ein süsslich-herber Geruch. Im Herbst fallen die Blätter ab und die tiefroten, 5-zähligen, röhrenförmigen Blüten entwickeln sich in endständigen Büscheln. Diese sind sehr auffällig und von weitem sichtbar. Insbesondere Nektarvögel, welche ökologisch gesehen das Pendant zu den Kolibris in der Neuen Welt bilden, werden angelockt. Ihr Flug ist jedoch nicht so wendig und sie können im Gegensatz zu den Kolibris nicht an Ort und Stelle schweben. Sie verfügen über kräftige Beine, mit denen sie bei der Nahrungsaufnahme auf den Ästen sitzen und über einen langen, abwärtsgebogenen Schnabel, den sie in die Blütenröhren stecken. Mit ihrer langen Zunge saugen sie Nektar aus den Blüten und bestäuben die Pflanzen. Die reifen Früchte sind essbar und schmecken süss. Der bis ein Meter grosse Strauch lebt nur selten auf dem Boden, sondern vorwiegend als Epiphyt in den Kronen hoher Bäume. Daher erhielt er im englischen den Namen «Tree Jockey», was Baum-Reiter bedeutet. Aufgrund seiner Vorliebe für tote Bäume nahm man früher irrtümlicherweise an, dass der Baum-Reiter die Wirtsbäume zum Absterben bringt. In Wirklichkeit ist er für diese jedoch eine wunderbare Zierde.

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Pflanze des Monats Januar: Schlafender Hibiskus (Malvaviscus arboreus) im Farnhaus (33)

Geschlossene Blüten locken clevere Kolibris

 

Im Farnhaus gedeiht ein bis 5 m hoher, immergrüner Strauch aus den Tieflandregenwäldern und Bergnebelwäldern der Neuen Welt. Die unzähligen, feuerroten Blüten leuchten fast das ganze Jahr über. Bei genauer Betrachtung vermitteln die Blüten des Schlafenden Hibiskus (Malvaviscus arboreus) jedoch den Eindruck, sie seien noch geschlossen, da die 5 Kronblätter stets eingerollt bleiben und sich nie öffnen. Diesem eigentümlichen Umstand verdankt das Malvengewächs (Malvaceae) seinen deutschen Namen. Aus der geschlossenen Krone ragt eine Röhre, die aus den verwachsenen Staubfäden gebildet wird. Die winzigen violett-rötlichen Staubbeutel produzieren den Pollen. Sie befinden sich gleich unterhalb der fünflappigen Narbe. Dank der leuchtend roten Signalfarbe und den exponierten Staub- und Fruchtblättern werden Kolibris angelockt, welche die Pflanze bestäuben. Sie erhalten beim Blütenbesuch Nektar und der Pollen wird auf ihrem Gefieder oder am Schnabel deponiert. Obwohl die roten Kronblätter oft erst nach ein paar Tagen abfallen, ist eine Blüte nur einen Tag lang fruchtbar. Dabei findet die grösste Nektarproduktion am Morgen statt, genau zu dem Zeitpunkt, wenn am meisten Kolibris die Blüten besuchen. Die cleveren, bunt schimmernden Vögel lassen sich von den scheinbar geschlossenen Blüten nicht täuschen und haben zudem gelernt, den idealen Zeitpunkt für einen Blütenbesuch zu wählen. Der Schlafende Hibiskus ist eine beliebte Zierpflanze in tropischen Gärten. Seine fleischigen Früchte sind essbar und schmecken wie kleine Äpfel.

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